Tage Olympisches Dorf (inkl. Eröffnungsfeier)

Tage Trainingscamp Ubatuba

Tage Olympisches Dorf (inkl. Pressekonferenz, Marathon, Schlussfeier)

Tage Ferien

Eröffnungsfeier

Die Eröffnungsfeier ist eine logistische Meisterleistung. Die Organisatoren müssen alle ca. 15‘000 Athleten und Betreuer pünktlich und in der richtigen Reihenfolge vom Olympischen Dorf ins Maracana Stadion transportieren. Natürlich ist dabei viel Puffer eingerechnet. Das heisst, man startet um 17:00 Uhr im Olympischen Dorf und läuft etwa um 21:30 Uhr ins vollbesetzte Stadion ein. Dazwischen liegen eine stündige Busfahrt und etwa 90 Minuten Warten und Essen in einem kleineren Stadion (wo man die Eröffnungsfeier auf Grossleinwand mitkriegt). Danach spaziert man gemächlich (aber leicht nervös) als Delegation irgendwo zwischen Schweden und Syrien durch Gassen von jubelnden Volunteers, Tänzer/Schauspieler der Show und sonstigen Zuschauern. Man umrundet etwa fünf Mal das Maracana Stadion und hat etwa zehn Mal das Gefühl, dass man nach dem nächsten Abzweiger vor dem Stadioneingang steht. Aber immer nimmt der Weg noch eine Wende. Und noch eine. Dann läuft man plötzlich ins Licht. Das Ganze geht dann leider furchtbar schnell. Nach der Durchquerung des Stadions kommt man neben dem Laufsteg zum Stehen und kann den Rest der Show (und selber als Teil der Show) im „Infield“ geniessen.

Olympisches Feuer

Unfassbar ist die positiv aufgeladene Stimmung als endlich die Olympische Flamme entzündet wird. Alle x-tausend Sportler haben auf diesen Moment hin gefiebert. Einige, ihr ganzes Leben lang. Der grösste Traum tausender anwesender Menschen geht in dieser Sekunde in Erfüllung. Jeder geniesst den Moment für sich und auf seine Weise. Die Brasilianer feiern alle zusammen eine riesige Party. Die Nordkoreaner sitzen Rücken an Rücken lehnend auf dem Boden und warten auf das Ende der Show. Vielen laufen Tränen über die Wangen – oder kämpfen dagegen an. Für mich persönlich ist dieses simple Entfachen eines Feuerchens der emotionale Höhepunkt der Spiele, die ja eigentlich soeben erst begonnen haben. Schlagartig ändert meine Gefühlslage: Die unsichere Nervosität weicht einem beruhigten Optimismus und einer noch grösseren Vorfreude auf meinen eigenen Einsatz beim Marathon – auf den ich noch mehr als zwei Wochen warten muss.

Der grösste Traum tausender anwesender Menschen geht in dieser Sekunde in Erfüllung.

Training

Zwei Tage nach der Eröffungsfeier verlasse ich das Olympische Dorf und schlage meine Zelte etwa 300 Kilometer südlich in Ubatuba auf. Zusammen mit Jolanda Annen, meinem Coach Rubén Oliver und Betreuern von Swiss Triathlon geben wir unserer Form ohne die Hektik und den Rummel (aber dafür mit längeren Trainingsstrecken als dem 2.5km Loop im Olympic Village) den letzten Schliff. Dank intensivem Olympia-Konsum via „Brasil TV“ und vielen gemeinsamen Interessen (Sport.) herrschte eine tolle, gelöste Stimmung!

Pressekonferenz

Vier Tage vor dem Marathon reisen wir zurück in den Rummel nach Rio. Am Freitag vor dem Marathon findet die Pressekonferenz im Studio von SRF statt. Was für eine Kulisse! Zum ersten Mal, seit ich in Brasilien bin, sehe ich Ipanema und Copacabana – und meine Angehörigen. Sie dürfen die Pressekonferenz ebenfalls live mitverfolgen. Anschliessend sind sie auch bei einer kurzen Studio-Führung mit dabei. Schminke, Interviews aufnehmen, noch kurz ein Bild mit Jann Billeter schiessen – für das Kreienbühlsche Familien-Album – und schon geht es weiter zum „House of Switzerland“ für das Mittagessen: Rösti mit Rivella.

Wettkampf

Früh zeichnet es sich ab, dass es am Wettkampftag regnen wird und die Temperaturen bis 25 Grad steigen. Mein „Schlachtplan“ sieht vor, mein eigenes Rennen zu laufen: Mich nicht von den anderen Läufern in der ersten Hälfte mitreissen lassen. Bei Kilometer 5 werfe ich einen Blick zurück und stelle fest: Ausser dem Besenwagen und einigen einzelnen Läufern ist da nichts mehr. “Perfekt!” denke ich, “also voll im Plan”. Die Pace stimmt auch von Anfang an – etwa 3:20 pro Kilometer (Endzeit 2h 20min) habe ich mir vorgenommen. Regelmässig spule ich die Kilometer ab und überhole Läufer um Läufer. Bald hängt sich ein israelischer Läufer an meine Fersen, den ich nicht mehr loswerde. Zum Glück! Denn immer wieder wechseln wir uns ab mir der Führungsarbeit. Immer seltener kontrolliere ich die Kilometerzeiten. Als wir den Halbmarathon passieren, bin ich leicht enttäuscht, weil da 1h 10min steht. Die erste Hälfte fühlte sich irgendwie schneller an. Egal, die kritischen Gedanken werden schnell verdrängt und mit positiven übertönt. Bereits sind meine Eltern, mein Bruder und meine Freundin wieder in Sicht-(und Hör-)Weite! Ab Kilometer 35 wird es richtig hart. In einer Sauna wäre es angenehmer. Der Heimweg eines betrunkenen Seemannes hat weniger Kurven als die Marathon-Strecke – und ein ausgemusterter Feuerwehrschlauch mehr Energie als meine Beine. Dann endlich: Einbiegen auf die Zielgerade im Sambódromo! Krämpfe, Hühnerhaut, Kälte, Hitze, Schreien, Lachen, Weinen.

Danach geniessen Tadesse Abraham und ich möglichst lange die Atmosphäre unter den Läufern im Zielbereich. Keiner scheint den Ort des Geschehens verlassen zu wollen. Wie kleine Kinder vor dem Ins-Bett-Gehen ziehen wir die Zeit in die Länge.

2h 21min 13sec

“76. Rang”, meint der Journalist Jörg Greb im Ziel. Ich hatte keine Ahnung. In dem Moment hätte es für mich auch 56. sein können. Oder 106.

„76. von 155 Gestarteten“ fügt er an. „Erste Hälfe“, kann ich knapp berechnen. „Kein Exploit, aber eine solide Leistung“ trifft er den Nagel auf den Kopf. Ich bin dankbar, dass er mir die Analyse zum Rennen abnimmt – mehr als Gefühle gibt mein Hirn zu dem Zeitpunkt nicht her.

Erst einige Tage nach dem Rennen merke ich: Es war vielleicht nicht nur eines meiner härtesten Rennen, sondern sicherlich auch die härteste Vorbereitung bis an die Startlinie eines Marathons.

Es gibt Phasen im Training, da läuft es einfach. Zum Beispiel im letzten Jahr: Woche für Woche, Schritt für Schritt – in die richtige Richtung. Seit April dieses Jahres hingegen kämpfte ich gegen Windmühlen. Schritt für Schritt – seitlich statt vorwärts? Obwohl ich einer ähnlichen Vorbereitung folgte wie im Jahr zuvor, die zu meiner persönlichen Bestzeit (und Olympia-Qualifikation) führte. Heuer keinerlei Verbesserung meiner Form. Mein Körper plötzlich ein quadratischer, schmerzender Felsen – im 2015 noch federleichtes, formbares Karbon. Gefragt waren Ausdauer und Geduld – wie die eines Marathonläufers eben.

Einige Leute haben mich gefragt, ob ich zufrieden sei mit meinem Resultat (bevor sie mir gratulierten). Natürlich bin ich happy! Überglücklich sogar – und stolz auf mich. Stolz, dieses schwierige Jahr gemeistert zu haben. Mich unter den Besten der Besten in Bestform in die erste Hälfte gekämpft zu haben. Für den Rest meines Lebens Olympiateilnehmer zu sein.

Mein Körper plötzlich ein quadratischer, schmerzender Felsen – im 2015 noch federleichtes, formbares Karbon.

Schlussfeier

Die Lockerheit und die Erleichterung der Athleten spiegelt sich in der Organisation der Schlussfeier wider. Während die Eröffnungsfeier strukturiert und bis ins letzte Detail geplant abläuft, gleicht die Schlussfeier einem „organisierten Chaos“ – und genauso ist die Gefühlslage der Athleten.

Nach dem Einlauf ins Stadion wird man auf dem „Infield“ auf Klappstühle gesetzt. Volunteers versuchen verzweifelt sicherzustellen, dass die Olympioniken während den offiziellen Reden auf den Stühlen sitzen bleiben. Ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder möchte eine noch bessere Aussicht – bis alle Athleten auf den Stühlen stehen. Sobald Musik läuft, ist Sitzen sowieso unmöglich, denn nicht mal die Isländer lassen die brasilianischen Rhythmen kalt. Das Maracana-Stadion verwandelt sich in die grösste Disco, die ich je gesehen habe. Auch die Mountainbiker und die Marathonis, welche ein paar Stunden vorher noch über die Ziellinie geholpert/gestolpert sind, bewegen sich dank ihrem körpereigenen Endorphin-Cocktail erstaunlich geschmeidig (fast) wie die mit Federn geschmückten Tänzerinnen.

Zukunftspläne

Der Muskelkater hielt sich in Grenzen. Die 15 Marathons zuvor haben meinen Körper bereits an die Belastungen gewöhnt. Meerwasser, Strände und gutes Essen (sowie ein paar Drinks) taten den Rest: Nach einer Woche Ferien fühlte ich keinerlei muskuläre Beschwerden mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuvor zum letzten Mal Ferien gemacht habe, ohne ein einziges Mal zu laufen.

Trotz der raschen Erholung folgt jetzt erst einmal eine längere Trainingspause. Nicht nur der Körper will ruhen, sondern auch der Kopf. Vor gut fünf Wochen zog ich im Ziel in Rio meine Laufschuhe aus und seither habe ich keine mehr getragen. Ich geniesse die vielen Termine für Ehrungen, (mögliche) Sponsoren und Freunde, die ich wegen der Olympia-Vorbereitung länger nicht gesehen habe.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuvor zum letzten Mal Ferien gemacht habe, ohne ein einziges Mal zu laufen.

Danke

  • An die Verbände: Swiss Olympic, Swiss Athletics und Swiss Triathlon.
  • An meinen Verein: TV Oerlikon.
  • An meinen Arbeitgeber: Equatex AG.
  • An die Spitzensportförderung der Schweizer Armee.
  • An meine Sponsoren: adidas und BMW i.
  • An meine Leistungsdiagnostiker: Schulthess Klinik.
  • An meine Physiotherapeuten.
  • An meinen Fanclub: ckr-Fanclub.
  • An meinen Coach: Rubén Oliver.
  • An meine Familie und Freundin.

Einblick ins Olympische Dorf