Aus mehreren Gründen war es höchste Zeit, dass ich endlich den Engadin Skimarathon absolviere.

  • Erstens habe ich mich im Rahmen von Trainingslagern seit 2010 insgesamt 41 Wochen im Engadin aufgehalten – und der „Engadiner“ ist für jeden Engadin-Möchtegernkenner (wie mich) einfach Pflicht.
  • Zweitens befand ich mich in der Langlauf-Form meines Lebens. Was bei meinem kurzen Langläuferleben (seit 2013) allerdings ziemlich einfach ist. Dennoch bezweifle ich, ob ich innerhalb von gut 2 Monaten jemals wieder 2222 km langlaufen werde – so wie nun verletzungsbedingt von Mitte Dezember 2016 bis Mitte Februar 2017.
  • Drittens ist es als Marathonläufer doch naheliegend, die selbe Distanz einmal auf den schmalen Latten (wenn möglich schneller) zu absolvieren.
  • Viertens gehört es zum guten Ton eines jeden Sportlers. Oder anders ausgedrückt: Wenn Viktor Röthlin, Ariella Käslin und gar Jan van Berkel es schaffen, dann – so dachte ich – sollte ich dies doch auch hinkriegen – und somit Roger Federer wenigstens etwas voraus haben.

Die Wettkämpfe

Wie erwähnt hatte ich mich verletzungsbedingt in hunderten von Stunden auf diesen Grossanlass vorbereitet. Zudem nahm ich an zwei kleineren Wettkämpfen teil, um einerseits meine Form zu testen, andererseits mich auf die Tücken eines Langlauf-Wettkampfes einstellen zu können – und davon gibt es viele. Neben Material-Problemen (verwachsen, Stockbruch, Bindungsbruch, Skibruch, Schuhbruch, Knochenbruch, etc.) kommen noch die Infights mit den Konkurrenten (und mit sich selber) hinzu. Das Ganze ist um ein x-faches komplizierter als beim Laufen. Man kann nicht nur ganz einfach einen Teil der Ausrüstung zu Hause vergessen, sondern zum Beispiel die falsche Ausrüstung (Klassisch vs. Skating) einpacken. Da reicht EIN falscher Stock, Schuh oder Ski, denn keines ist mit dem anderen kompatibel. Das ist mir zum Glück alles nicht passiert, sondern habe ich nur geträumt. Zur Materialschlacht kommt der Kampf mit sich selber. Während man in der Langlaufschule noch konzentriert und kontrolliert seinen Bauchnabel über dem Knie und Zehenspitze balancierend über den Schnee gleitet, schaltet mein Hirn beim Startschuss im Rahmen eines Rennens auf Standby, weil der wenige verfügbare Sauerstoff in den Muskeln gebraucht wird, was zu spastischen Bewegungen, Stockstösse in die Luft und Skiballetähnlichen-Einlagen führt. Erst nach den ersten 15 Minuten und einem gedachten Weckruf an meinen inaktiven Klumpen im Schädel, kann ich mich wieder an die Grundlagen der Langlaufkunst entsinnen und einigermassen Tempo aufnehmen. So ist es nicht verwunderlich, dass (wie beim Laufen) bei allen meinen drei Langlauf-Wettkämpfen die zweiten Hälften stets schneller waren als die ersten.

Meine „Langlaufkarriere“

19. Februar 2017
Zernezer Volkslanglauf, 15 km Skating, Einzelstart (Rang 8 von 15)
> Rangliste

25. Februar 2017
Maloja-Zernez, 56 km Skating, Massenstart (Rang 18 von 170)
> Rangliste

12. März 2017
Engadin Skimarathon, 42 km Skating, Massenstart (1:47:58 – Rang 528 von 7996)
> Rangliste

Die Infights

Der Start eines Massenstart-Langlaufrennens gleicht der Schlachtszene von „Lord of the Rings“. Die oben erwähnte Hirnlosigkeit ambitionierter Halbprofis verwandelt Skistöcke in Lanzen und Skis in messerscharfe Klingen. Laufend – im wahrsten Sinn des Wortes – knallen erschlaffte Körper auf die eisharte Schneefläche. Kollateralschäden sind nicht selten und reissen grössere Löcher in das kompakte Läuferfeld. Etliche Stöcke werden in die ewigen Carbon-Gründe geschickt. Jede und jeder kämpft um seinen Platz in der richtigen Gruppe, hinter dem richtigen Rücken. Der Start eines 1500m-Laufes auf der Bahn ist dagegen eine Pilates-Stunde mit Rechaud-Kerzchen. Hat man aber einmal eine passende Gruppe gefunden, ist die darin herrschende Solidarität ein tolles Gruppenerlebnis. Niemand ist sich zu schade, um Führungsarbeit zu übernehmen und der kollektive Flow-Zustand unterwegs führt zu spontanem Umarmen und Abklatschen wildfremder, stinkender Vollkörperleggins-Männer im Ziel. Da könnten wir uns Läufer noch eine Scheibe abschneiden.

Das Wachsen

Komplex ist beim Laufen die Wissenschaft um die korrekte Nagel-Länge bei Crossläufen. Das ist allerdings noch gar nichts im Vergleich zur hohen Kunst des Wachsens. Es gibt Langläufer, bei denen muss die Quersumme des Wachsdatums in Tagen nach Christi Geburt eine Primzahl sein, aber nur wenn e hoch Pi-halbe Tage vorher Vollmond schien. Vielleicht hat auch noch der Geschmack von feuchtem Moos und die Ausrichtung der Waldameisenhaufen einen Einfluss darauf. Egal wie die genauen Regeln sind: Davon verstehe ich überhaupt nichts. Mein Langlaufniveau ist allerdings mittlerweile genug hoch, dass ich einen alten und für 1000 Trainingskilometer nicht gewachsten Ski von einem neuen und für das Rennen frisch gewachsten Ski blind unterscheiden kann. Ich hab es ausprobiert. Seither bin ich umso dankbarer, dass ich als Läufer neben dem Training nicht noch Stunden in mein Material investieren muss, sondern stattdessen gemütlich auf der Blackroll rumliegen darf.

Die Profis

Wie in allen Bereichen des Lebens kann man erst nachvollziehen, was die Meister des Fachs leisten, wenn man das entsprechende Fach einmal gründlich studiert hat. So war es für mich zwar interessant am Fernseher ein Langlaufrennen zu verfolgen, jedoch erst seit ich selber etwas häufiger auf den Skis bin – und in einem Einzelstart-Rennen auch schon mal von einem Profi fliegend überholt wurde – kann ich einigermassen verstehen, was die Meister da leisten. Ein normaler Mensch mit guter Langlauftechnik kann keine 100 Meter mit eine Profi in einem 50 km Rennen mithalten. Ist einfach so. Genauso sicher ist, dass ich einem technisch schön laufendem Langläufer stundenlang zuschauen könnte. Ein wahrer Genuss, wie er aus einem Guss über die Loipe gleitet. Leider sehe ich die Profis meist nur sehr kurz.

Unvorstellbar ist für mich die Leistungsdichte bei den Besten: Mein zukünftiger Schwager (Livio Bieler) belegte beim Engadiner nach gut 42 Kilometern mit 7.9 Sekunden Rückstand auf den Sieger Dario Cologna den 19. Rang. 7.9 Sekunden – 19. Rang?!

Die Anderen

Neben den Profis gibt es die anderen Langläufer. Beispielsweise die Velofahrer, die in Velohosen und Velodress mit viel Krafteinsatz, wenig Technik, aber viel Carbon unterwegs sind. Oder die Läufer. Jene mit dem Silvesterlauf-Stirnband, den Lauftights, dem Kaputzenjäckchen und dem Lauf-Bidon am Rücken, welche sitzenderweise (statt mit gestreckter Hüfte) und mit viel Arm- (statt Rumpf-) Einsatz vorwärts kommen und jede mögliche Gleitphase im Ansatz abbrechen. Es gibt auch die Schneewanderer. Die mit den Wollsocken, dem Retro-Rucksack und dem schleichenden Klassisch-Schritt. Oder die Volksläufer. Es ist die grosse Mehrheit auf der Loipe, welche sich mit Engadiner- (oder Gommerlauf-) Kappe und ziemlich passabler Technik, eher schlechterer Kondition, dafür mit umso grösserem Ehrgeiz auf der schmalen Loipe ziemlich breit macht und jeden Überholversuch mit einem kurzen Gegenangriff kontert. Den Abschluss meiner Typen-Schubladisierung bilden die Anfänger. Es sind die Fische am Land. Die Pferde im Wasser. Die Käfer auf dem Rücken. Die Hunde auf Glatteis. Oder eben: die Anfänger auf Langlaufskis.

Mit ihm kann ich aus eigener Erfahrung sehr gut mitfühlen:

Der Fachjargon

Greenhorns des Langlaufsports erkennt man an deren ersten Sätze über eben diesen Sport, weil sie mit den Langlaufskis „fahren“ und nicht laufen. Völlig falsch – es ist ja nicht die Langfahrt. Wenn sie die Loipe dann noch als „Piste“ bezeichnen, dann zieht des dem Profi die Innereien zusammen. Interessant ist die Beziehung der Langläufer zu ihrem Lieblings-Element, dem Schnee. Diese Innigkeit drückt sich in der Sprache aus. Das gefrorene Nass wird personifiziert und sein Zustand durch manch liebliche Wörter beschreiben. Er kann zum Beispiel faul sein oder glasig. Er kann saugen oder anziehen. Er kann Leisen haben oder einen Firn. Er kann stumpf sein oder der Ski darauf spitz. Und übrigens: „SNS“ ist keine Kurzmitteilung, „HF rot“ keine Pulsbereich-Angabe, „Turnamic“ keine Mixer-Marke und „KV+“ keine kaufmännische Zusatzausbildung.

Die Stürze

Natürlich gibt es Stürze. Sie sind unvermeidlich. Wer nicht stürzen will, darf nicht langlaufen. Man wird zunehmend sicherer auf den Skis. Immer sicherer, bis die Sicherheit in Übermut wechselt und man von da wortwörtlich und schlagartig auf den Boden der Realität zurück geholt wird. Als Gedächnisstütze für die nächste Woche mahnt ein blauviolettgrüner Bluterguss vor neuerlichem Leichtsinn. Bis er verschwunden ist und der ganze Aufstieg-Fall-Zyklus von Neuem beginnt. Häufige und nachhaltige Souvenirs von der Loipe sind ausserdem geprellten Rippchen. Das Gemeine daran ist deren eingebaute (schmerzhafte) Reminder-Funktion bei jeder Bewegung im Bett, beim Niesen und bei jedem herzhaften Lacher. A propos gemein: Noch gemeiner als Skating Skis und Eispassagen sind grundsätzlich die klassischen Langlaufskis – bei jeglichen Schnee-Bedingungen. Bergauf sind die Dinger rutschig wie Seife auf Spiegel. Bergab entscheiden sie sich spontan zu kleben wie Lycra auf Klette. Die allergrösste der Gefahren lauert jedoch auch beim Langlauf im eigenen Haushalt. „Versuche niemals – niemals! – mit Langlaufschuhen eine Treppe hinunterzusteigen“, mahnt mein Steissbein.

Der Engadiner

Eines muss man wissen, wenn man den Engadiner so schnell wie möglich absolvieren möchte: Viel wichtiger als Ausdauer, Kraft, Technik, Material oder Wachs ist der Startblock. Das Feld wird kategorisiert in Stärkeklassen auf die Strecke geschickt. Das Feld ist gross, breit und unkontrolliert – die Strecke hingegen schmal, rutschig und selektiv. (Fair) zu überholen ist über weite Teile des Rennens fast unmöglich. Eingeklemmt im Startblock fliesst man dem Inn entlang als einzelnes Langläufer-Molekül im Strom der Masse Richtung Ziel. In den vorderen, kleineren Blöcken hat man mehr Platz, man kann im Windschatten der Gruppe schnell zum Ziel gleiten, man hat die besser präparierte Loipe, welche für die hinteren Startblöcke malträtiert von tausenden von LäuferInnen immer „fauler“ wird. Es ist wie im richtigen Leben: Die Schnellen werden durch Begünstigungen noch schneller – die Langsamen noch langsamer.

Darum beginnt der Engadin Skimarathon nicht erst an der Startlinie. Auch der Sprint zu Fuss vom ersten Bus in den Startblock, um mit seinen Skis den Startplatz möglichst weit vorne im eigenen Block (wie die deutschen Touristen den Liegestuhl mit Badetüchern) in den vordersten Reihen zu reservieren, ist nicht der erste Wettkampf vor dem Engadiner; auch nicht das Umsteigen vom Zug auf den Bus an den Start und die anstrengende Fahrt im prallgefüllten Engadin-Bus. Nein, der aktuelle Engadiner beginnt mit dem Engadiner im Vorjahr. Denn dieser ist entscheidend für die Einteilung in den sagenumwobenen Startblock. Und dieser wiederum ist – wie eingangs erläutert – entscheidend für das Abschliessen im aktuellen Jahr. Somit ist klar: Über fast nichts wird mehr diskutiert, als über die Startblockeinteilung. Und über den Streckenzustand (mit Fokus Stazerwald und Seen). Und über die Windrichtung. Und über den Wachs. Darum ist die Atmosphäre am Morgen vor dem Start gespannt wie eine Slackline. Niemand lacht; alle wissen: Der Start wird nicht lustig.

Im Ziel zählt die Schlusszeit (meine ist 1:47:58 #Sub2). Und die Anzahl Stockbrüche und Stürze. 0 und 0 für mich. Jedoch beiden Katastrophen x-Mal haarscharf vobeigeschrammt: Stock auf den eigenen Ski gesteckt, in letzter Sekunde einem gestürzten Mitläufer ausgewichen, auf einer Eisblase ausgerutscht, an einem fremdem Stock hängengeblieben, x gebrochene im Schnee-liegende Stöcke umlaufen. Jedoch noch wichtiger: niemand anderen zu Fall gebracht und niemandem den Stock geknickt – soweit ich weiss. Neben dem Sieg über sich selber sind es diese Erfolgserlebnisse, welche den Finishern für den ganzen Tag – und mindestens für die ersten Stunden im Büro am Montagmorgen (je nach Job) – ein unauflösbares Botox-Grinsen auf das Gesicht zaubern.

Trotz des einmaligen Erlebnisses denken sich im Ziel wohl viele: „Diese Tortur werde ich nie mehr mitmachen.“ Dennoch gibt es aktuell 129 Giubilers, welche den Lauf 40 Mal oder mehr absolviert haben. Es muss eine innige Hassliebe sein.

Das Dankeschön

Ich danke ganz herzlich folgenden Personen, welche mich auf dem Weg von der Achillessehnen-Verletzung begleitet, zum Langlauf gebracht und somit zurück in die Laufschuhe gesteckt haben! Die Liste ist in zweierlei Hinsicht nicht komplett: Einerseits habe ich sicherlich Leute komplett vergessen. Andererseits bin ich noch für weit mehr dankbar als die kurze Aufzählung hinter den Doppelpunkten.

  • Giulia Hossmann (Physiotherapeutin, Laufexpertin): Für die Yoga-/Stretching-/Kraft-Choreographie und die Nadeln.
  • Martin Narozny (Sportarzt, Verbandsarzt Swiss Athletics): Für die medizinische Betreuung, die Stosswellen und mein eigenes Blut in die Achillessehne.
  • Rubén Oliver (Coach, Sportarzt, etc.): Für die medizinische Betreuung, die Trainingspläne, die Trainingsstunden und überhaupt.
  • Barbara Jentner (Langlauf- und Feldenkrais-Pädagogin): Für die erste Langlauflektion meines Lebens und die Grundlagen der Balance.
  • André Marti (Langlauflehrer, Läufer): Für den wettkampfspezifischen Schliff auf den Skis und das Fachsimpeln über die Achillessehne der Läufer.
  • TV Oerlikon (Laufmacht): Für das Verständnis, dass ich 6 Monate im Training gefehlt habe und auf meinem eigenen Weg nicht ins Vereinstrainingslager nach Mallorca gefunden habe.
  • Reto, Jan, Beat, Sandro, Andrea, Andrea, Andrea, Andreas, Daniel, Jan, Cyrille, Livio, Norbert, Sonja, Matthias, Fridolin, Mirjam, Thomas, Claudia, Daniel, Barbara, Alex, Regula, Pascal, Jean-Claude, Daniel, Hervé: Für die Begleitung auf den Langlauf-Skis.
  • Unbekannte (ältere Sportlerin): Für das spannende Gespräch auf der S-chanfer Brücke von 1870 über das Engadin, den Sport und das Leben.
  • Bieler Sport Bonaduz und Willy Sport Zuoz (Sportfachgeschäfte): Für den Material-Service.
  • züriost (News-Portal): Für die Berichterstattung über meinen Ausflug in die Welt des Langlaufs VOR und NACH dem Marathon.
  • Engadin Skimarathon (Organisator) – inkl. Voluntari: Für das unvergessliche Erlebnis und die perfekte Organisation einer unberechenbaren, anspruchsvollen Menschenmasse.
  • Curdin (Hufschmied): Für die super Unterkunft in S-chanf.
  • Jachen (Wirt, Jäger, Ski-Servicemann): Für die 18 Espressos und die gemütliche Zeit im 18-Ender.
  • Familie (Eltern, Bruder): Für das Einsteiger-Trainingslager im Obergoms.
  • Valentina (alles): Für alles.

Nun freue ich mich sehr darauf, die erarbeitete Grundlagenausdauer „laufend“ umzusetzen, sofern es mein Körper wieder erlaubt. Vielleicht nur so lange, bis ich wieder verletzt bin und mich wieder eine neue Sportart in ihren Bann zieht…