Eigentlich ist Laufen simpel, findet Christian Kreienbühl. Und doch ist es aus Sicht des Rütners extrem schwierig, möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Er wird es versuchen – am letzten Olympia-Tag im Marathon.

Wie schafften Sie es innerhalb von zehn Jahren vom Hobbyläufer zum Olympia-Starter zu werden?
Christian Kreienbühl: Was soll ich sagen? Schritt für Schritt (lacht). Spitzensport war lange Zeit kein Thema für mich. Es hat sich alles ergeben. Das eine hat zum anderen geführt.

Was bedeutet Ihnen die Olympia-Teilnahme?
Sportlich ist es das Allergrösste, was ich mit meinem Potenzial erreichen kann. Niemand kann mir das wegnehmen. Das ist nicht wie ein Rekord. Dieses Erlebnis bleibt für ewig.

Woran denken Sie beim Wort «Olympia» als Erstes?
An einen Haufen Sportler mit vielen Emotionen. Sportler und ihre Emotionen – das hat mich immer fasziniert. Es gibt Sportmomente, die ich nie mehr vergesse. Einige von Roger Federer beispielsweise. Oder auch den Augenblick, als Dominique Gisin Olympia-Gold gewann.

Mit welchen Motto reisen Sie nach Brasilien?
Ich möchte möglichst viel aufnehmen und speichern können. Das aber ist schwierig. Solch speziellen Momente gehen immer schnell vorbei. Das habe ich auch an der EM in Amsterdam wieder erlebt.

Was darf in Ihrem Reisegepäck nicht fehlen?
Meine Wettkampfschuhe.

Worauf müssen Sie während Ihrem Aufenthalt in Brasilien verzichten?
Auf meine Freundin. Sie kommt zwar nach Rio, vor dem Start aber werde ich sie kaum sehen.

Wie sattelfest sind Sie in der portugiesischen Sprache?
Überhaupt nicht, obwohl ich schon ein paar Mal in Portugal im Trainingslager war. Ich kann leider nur knapp Danke sagen. Aber ich bin jetzt dann ja so lange in Brasilien, dass ich nachher fliessend portugiesisch sprechen werde (lacht).

Worauf freuen Sie sich besonders?
Die Eröffnungsfeier. Und auf den Start und das Ziel des Marathons. Das dürften stimmungsmässig die Highlights sein.

Was wissen Sie über die Maraton-Strecke?
Es sind drei Runden, die flach sein sollten. Start und Ziel sind im Sambadrome. Und die Strecke ist nicht der Copacabana entlang.

Welches ist die letzte Handlung vor dem Startschuss?
Die Stoppuhr anstellen. Aber vielleicht ist es romantischer, wenn ich sage: Ich versuche ruhig zu werden und stelle mir den Zielleinlauf vor. Und natürlich wünsche ich Tade (Tadesse Abraham – die Red.) viel Glück.

Wie heisst der letzte Olympia-Sieger im Marathon?
(lacht) Die Frage ist fast ein wenig gemein. Da muss ich raten. Stephen Kiprotich. (überlegt) Ich weiss nicht, ob es stimmt. Oder war es Sami Wanjiru? Nein. Ich bleibe bei Kiprotich (Das ist richtig – die Red.).

Was ist das faszinierende an Langstrecken-Rennen?
Es ist etwas so einfaches – eigentlich. Man läuft nur von A nach B. Und trotzdem ist es brutal kompliziert. Tausend Details muss man beachten. Und es ist schwierig, schnell zu sein. Ein Rennen ist wie ein Leistungstest. Es gibt keine Ausreden. Man kann niemandem die Schuld in die Schuhe schieben – nicht so wie im Fussball, wo nachher über dies und das diskutiert wird. Da kann auch einmal Island etwas gewinnen. Ich aber kann nicht Olympia-Sieger werden. Das ist Fakt.

Welche Schlagzeile möchten Sie nach dem Wettkampf über sich selber lesen?
Kreienbühl überrascht sich.

Wer ist Ihr grösster Fan?
Es gab eben erst einen Artikel über mich im Migros Magazin unter dem Titel: «Ich und mein grösster Fan.» Und da war es Rubén Oliver (Kreienbühls Trainer – die Red.). Ich habe ihn aber nur genommen, weil ich meine Freundin nicht exponieren wollte.

Wer ist Ihr schärfster Kritiker?
Der «Zürcher Oberländer» (lacht). Nein, meine Freundin. Sie ist ursprünglich Triathletin, jetzt aber vorwiegend Läuferin und kann meine Leistungen beurteilen.

Wie abergläubisch sind Sie?
Ein wenig, aber nicht mehr so stark wie früher. Ich habe schon ein paar Marotten. Vor dem Rennen höre ich mir immer dieselben Lieder an. Aber solche Rituale haben wohl alle Läufer.

Welche Eigenschaften an Ihnen sind typisch schweizerisch?
Meine Freundin würde sagen: ich sei ein wenig bünzlig. Ich aber sage: zuverlässig, perfektionistisch und pünktlich.

Von welchem Sportler würden Sie gerne in Rio ein Autogramm ergattern?
Also er von mir oder ich von ihm? (lacht) Ich stehe überhaupt nicht auf Autogramme. Es wäre mir peinlich, dafür jemanden anzusprechen. Autogramme zu geben finde ich dagegen lässig, da es auch nicht so häufig vorkommt.

Was fällt Ihnen beim Stichwort «Brasilien» ein?
Karneval. Strände. Zuckerhut.

Welche Fähigkeiten halfen Ihnen besonders, sich für Rio zu qualifizieren?
Die Geduld, das gute Körpergefühl und die Fähigkeit, nicht aufzugeben, auch wenn eine Lage aussichtslos scheint.

Womit haben Sie sich nach der Selektion belohnt?
Meistens kaufe ich mir etwas. Nichts Verrücktes oder Grosses. Aber ich weiss schlicht nicht mehr, was es dieses Mal war.

In welcher olympischen Sportart würden Sie am Ende des Feldes herum dümpeln?
Wahrscheinlich im Marathon. Also zumindest am Anfang (lacht). Nein, im Ernst: Sicher im Schwimmen.

An welchen Wettkämpfen würden Sie in Rio gerne als Zuschauer dabei sein?
Mountainbike würde ich gerne sehen und Fechten. Aber weil mein Wettkampf am letzten Olympia-Tag ist, wird es dafür nicht reichen.

Welches Souvenir nehmen Sie mit nach Hause?
Ich bin überhaupt nicht der Typ dafür und kein Schnick-Schnack-Sammler. Mein Souvenir sind die Erinnerungen.

(Text: Zürcher Oberländer, Oliver Meile)

 

KREIENBÜHLS PLAN – Geduld als zentraler Faktor

Nur 16 Läufer nahmen dieses Jahr am 10. April in Rio de Janeiro die 42,195 Kilometer unter die Füsse, um die Strecke für den olympischen Marathon zu testen. Am 21. August werden sich vom Sambodromo aus mehr als sechsmal so viele Athleten aufmachen, um in der Königsdisziplin der Langstrecke den Olympiasieger auszumachen. Um Gold würden sich kenianische und äthiopische Läufer duellieren, prognostiziert Christian Kreienbühl. Der Rütner sagt aber auch: «Überraschungen sind möglich.» Der 35-jährige Oberländer ist neben Tadesse Abraham vom LC Uster der zweite Schweizer Marathonläufer in Rio.

Kreienbühl kann sich etwa ausrechnen, was ihn erwartet, auch wenn er die vorwiegend flache Strecke noch nicht im Detail kennt. «Die Temperatur und die hohe Luftfeuchtigkeit werden einen grossen Einfluss haben», glaubt er und ist zugleich überzeugt davon, dass einige Athleten diesen Faktoren zu wenig Beachtung schenken und den Marathon zu schnell angehen werden. Er hat sich deshalb vorgenommen, regelmässig zu laufen, Geduld zu haben und gut auf den Körper zu hören. Ein Rangziel gibt er nicht bekannt. «Aber ich möchte sicher meinen Melderang bestätigen.»

 

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