Ob der Rütner Marathonspezialist Christian Kreienbühl seine Spitzensportkarriere fortsetzt, ist offen. Nicht weil er 37 ist, sondern aus einem ganz anderen Grund.

Text: züriost (Oliver Meile) | Download: pdf | Bild: athletix.ch (Florian Grossniklaus)

Die Olympiateilnahme in Rio de Janeiro 2016 als Karrierehöhepunkt. Dazu eine WM sowie drei aufeinanderfolgende Europameisterschaften, an denen er in der Teamwertung mit der Schweiz einmal Gold und einmal Bronze gewann. Christian Kreienbühls internationale Erfolge können sich auf jeden Fall sehen lassen.

37 ist der Marathonspezialist mittlerweile. Der Rütner ist also in einem Alter, in dem andere Leistungssportler entweder längst zurückgetreten sind oder sich zumindest mit dem Ende der Laufbahn beschäftigen.

Auch Kreienbühls sportliche Zukunft ist offen, wie er sagt. Der Grund dafür ist ein erfreulicher: Kreienbühl wird im Oktober erstmals Vater. Der Oberländer, der in der Vergangenheit jeweils auf zwei Jahre hinaus geplant hatte, setzt deswegen neu auf eine rollende Planung.

Der in einem 50-Prozent-Pensum angestellte Sportler muss erst herausfinden, ob sich ein Wiedereinstieg realisieren lässt. In arbeitstechnischer und organisatorischer Hinsicht. Und ob er überhaupt noch die nötige Motivation aufbringt, so fokussiert zu trainieren, wie es auf diesem Niveau nötig ist.

Wobei das wohl die kleinste Hürde darstellt. Kreienbühls Freude am Laufen ist weiterhin gross. So sagt er denn auch: «Wenn es möglich ist, mache ich wieder etwas.»

Wenn es möglich ist, mache ich wieder etwas.

Christian Kreienbühl

Olympiateilnehmer

Der Knackpunkt liegt bei 54

Was bei all seinen Überlegungen kein Faktor ist? Das Alter. Muss es auch gar nicht. Eine gross ­angelegte Studie bei Marathonläufern bewies: Signifikante Leistungeinbussen aufgrund des Alterungsprozesses treten erst ab 54 auf.

Dass auch im Spitzensport in höherem Alter Topleistungen möglich sind, zeigte sich beim Olympiamarathon in Rio. Der siebtklassierte LCU-Läufer Tadesse Abraham war 34, der Zehnte Eric Gillies 36. Auf Rang 33 – und damit deutlich vor Kreienbühl (76.) – findet sich gar der damals 41-jährige US-Amerikaner Mebrahtom Keflezighi.

Ein wenig mehr Erholung als früher braucht Kreienbühl mittlerweile zwar nach einem Marathon. «Und ich habe unten heraus etwas Speed verloren.» Grundsätzlich aber spricht nichts dagegen, weiter auf hohem Niveau laufen zu können.

Zupass kommt ihm, dass er einst mit Beginn des Wirtschafts­studiums seine Prioritäten vom Laufen weg verlagerte und eine sechsjährige Wettkampfpause einschaltete. Erst 2007 bestritt der Rütner seinen ersten Marathon, 17 weitere folgten.

Kreienbühl also hat längst nicht so viele Kilometer auf dem Tacho wie andere Spitzenläufer im selben Alter. Weshalb er sagt: «Ich habe noch etwas Budget.»

Einziger Fixpunkt? Wales

Ein paar Ideen, wie es läuferisch weitergehen könnte, hat der vierfache Schweizer Meister. Er denkt an einen Halbmarathon im Frühling und an einen Marathon im Herbst, weil er da jeweils sowieso besser in Form ist. Die WM 2019 in Doha erwähnt Kreienbühl derweil mit keinem Wort.

Und wie präsent sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio in seinem Hinterkopf? «Die sind weit, weit weg.»

Der Oberländer ist Realist. Er weiss, es wäre ein sehr hohes Ziel. Nicht nur der Olympialimite wegen. Auch ist die Spitze der Schweizer Marathonläufer mit deren Aushängeschild Tadesse Abraham deutlich breiter und so der interne Konkurrenzkampf um die wenigen Startplätze härter geworden.

«Es müsste schon Sinn machen, es anzupeilen», schliesst Kreienbühl das Thema Tokio ab. Und wirft danach leichthin ein: «Es gäbe 2020 ja auch noch eine EM.» Im Programm da: der Halbmarathon.

Zumindest einen Fixpunkt hat Kreienbühl bereits gesetzt. Und zwar unabhängig davon, wie es mit seiner Laufkarriere weitergeht. Im Mai nimmt er am fünf­tägigen Dragon’s Back Race in Wales teil.

Wie seine Form dann sein wird, kann Kreienbühl zwar nicht abschätzen. Er sagt aber: «Ich hatte einfach Lust darauf.»

Wer sich auf der Website des Veranstalters den Trailer des Trailruns ansieht, kann sich vorstellen, welche Strapazen ihn erwarten. 315 km mit über 15’000 m Aufstieg gilt es zu bewältigen. Dagegen scheint ein Marathon ein Pappenstiel zu sein.

Ich habe noch etwas Budget.

Christian Kreienbühl

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